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....weiter geht's in Kathmandu, 4. Oktober

4. Oktober, Kathmandu  Teil II

Wir verließen den gr0ßen Stupa und fuhren zu einem Stadtteil, der ein wenig  abseits am Ufer des Bagmati  Flußes den Pashu Pati Nath Tempel als nächstes Weltkulturerbe in petto hatte. Dies ist ein Hindutempel, zu dem wir wie üblich bei hinduistischen Tempelanlagen, keinen Zutritt haben.Die Hindus wollen uns nicht. Zumindest nicht in ihren Tempeln. Dafür aber davor und von der anderen Seite des Bagmati daraufschauend. Der Weg  zu dem Tempel entpuppte sich als ein langer Spaziergang im Tempo des Lehres a. D.. Wir zockelten gemächlich bergauf durch eine nur noch in Überresten erhaltene buddhistische Tempelruine, die von einer Horde Rhesusäffchen bewohnt ist. Sie laufen dort überall herum, hocken auf Mauerresten, klettern an Zäunen und laufen zum Greifen nah um unsere Füße. Zu gern hätte ich eines mal gestreichelt. Sie sehen herzerwärmend niedlich aus mit ihren kleinen, aufmerksamen Gesichtern. Auch Babies waren darunter. Sie hingen an den Bäucher ihrer Mütter und sind zum Stehlen hübsch. Wie gern hätte ich eins auf den Arm genommen und mit ihm geknuddelt.  Jedoch unser Lehrer warnte, dass diese Affen zur Aggessivität neigen, gerade wenn es sich um Babies handelt. Schade. L
Nun, zu dieser buddhistischen Anlage stiegen wir auf…..und dann wieder hinab, gefühlte 1000 Treppenstufen unterschiedlicher Höhe und Tiefe zum Ufer des Flußes. Es ist seltsam, aber mir haben diese unterschiedlichen Tritte wirklich Aufmerksamkeit beim Absteigen abverlangt. Als ob mein Körper es gewohnt ist, sich in genormten Maßen  zu bewegen. Ich habe den Unterschied zu den Verhältnissen hier in Deutschland wahrgenommen. Ist dies ein Zeichen dafür, dass ich solch eine Ordnung als selbstverständlich annehme? Ich beobachte die Nepalesen. Es scheint, als ob sie spielend leicht mit  unterschiedlichen Stufen zurecht kommen.
Selbst der kleine Lehrer, der sein Alter, ein Bäuchlein und weniger Sportlichkeit als Christof oder ich sie haben, mit sich herumträgt, bewältigt den Abstieg mühelos. Kann man von diesem Phänomen ableiten, dass man Wege flexibler begehen kann, wenn  einem eine Unordnung nicht fremd ist?
Ich muss schmunzeln. Aber ich werde es dennoch im übertragenen Sinn als Möglichkeit im Kopf behalten.
Wir steigen weiter hinab bei einer Temperatur, die um die Mittagszeit auf über 30 Grad gestiegen ist und kämpfen uns mit und durch einen Strom von Pilgern. Es gelingt nur zähflüssig. Plötzlich sehe ich einen kleinen Menschenauflauf vor uns, der Halt gemacht hat vor einer kleinen Hütte, die ein wenig abseits der Stufen liegt. Vor dieser Hütte sitzen
  und beten Sadhu Priester, Yogis. Das Auffälligste an ihnen ist ihr weiß angemaltes Gesicht mit  schwarz wirkenden Augen. Ihre Augen wirken wie schwarze Kreise durch die weiße Kreide im Gesicht. Das Haar ist irgendwie aufgeduttet, stumpf und grau wie mit Staub bedeckt. Zwar  ist ihre Kleidung bunt, jedoch kommt mir ihre Gesichtsmalkunst seltsam bekannt vor….. ein bisschen wie das Corps Paint- Make up der Blackmetaller aus Norwegen.  Diese Yogis lassen sich gern fotografieren. Sie fordern uns geradezu auf dies zu tun und natürlich möchten sie dafür ein wenig Geld bekommen, aber gerade deshalb hab ich es nicht getan. Es kam mir unwahr vor. Diese Priester kamen mir vor, als hätten sie sich verkleidet, als ginge es ihnen nicht um ihren Glauben. Möglicherweise ist dies unfair, aber ich mochte es nicht.
Bald danach schon wurden wie für jede Anstrengung belohnt. Der Pashu Pati Naht Tempel ist eine beeindruckend große und wunderschöne Tempelanlage mit verschachteleten Gebäuden, Türmchen, bunten Dächern  und farbenprächtigem Gewimmel und Gewusel davor, darin und rund herum. Sie schmiegt sich an Flußufer des Bagmati und baut es  wie  einen natürlichen Teil  in seine Gesamtheit mit ein. Denn hier direkt am Ufer sind  Verbrennungsstätten errichtet, die zu diesem Tempel gehören. Der Friedhof ist der Fluß. Auf der von uns aus gesehenen linken Seite werden die weniger wohlhabenden Leute auf quadratischen Feuerplätzen bestattet, die etwas in den Fluß hinein ragen. Und von genau dort stieg Rauch auf. Wir werden Zeuge einer öffentlichen Verbrennung. Unser Erstaunen hätte kaum größer sein können. Man mag es sich nicht so deutlich vorstellen, aber dort auf einer Unterlage, die ein wenig an einen quadratischen Bootssteg erinnert, auf einer Art Scheiterhaufen, kokeln die Überreste eines vor wenigen Stunden noch lebendigen Menschens.
Der kleine eingeborene Exlehrer erklärt uns, hier werde sehr schnell bestattet. Innerhalb von 2-4 Stunden nach dem letzten Atemzug, wenn die kurzfristig zusammen getrommelte Familie vollzählig erschienen ist, begleitet man den frisch Dahingeschiedenen zu Fuß durch die Stadt bis zum Tempel. Dort ist bereits das Holz aufgeschichtet und die Säume des Totenbettes mit Ketten aus Tagetes geschmückt. Auf der  rechten Seite, der für wohlhabende Verstorbene, konnten wir dabei zusehen, wie solch eine Verbrennungsstätte hergerichtet wurde. Mit unzähligen Blumenketten  und angezündeten Durfthölzern versehen sah dieses Bestattungsviereck am Ende aus wie ein Bett, dass für einen geliebten Menschen zu dessen Freude geschmückt wird. Etwa 4 Stunden dauert der Verbrennugsprozeß, dann sind alle Knochen  und alles, was einmal Mensch gewesen ist, verbrannt. Die übrig gebliebene Asche wird dem Fluß übergeben. Auf meine Frage, was die Menschen machen , wenn mal kein Fluß in der Nähe ist, wiegte der kleine Lehrer seinen Kopf hin und her, lächelte dabei sein weises Lächeln und antwortete: „ Hier gibt es immer einen Fluß. Manchmal muss man eben ein wenig laufen bis dahin.“

Tja, sicher. Diese Antwort ist klasse! Das erkenne ich vollkommen und neidlos an. Die Nepalesen bestatten übrigens nicht nur aus klimatechnischen Erwägungen so schnell. Es steckt auch hinduistische Sichtweise dahinter. „Tot ist tot! Und kommt nicht wieder. Selbst, wenn man tagelang abwartet wie ihr mit euren Bestattungen. Also warum dann nicht sofort beisetzen?“
Diese Antwort mit der rethorischen Frage am Ende beschäftigt mich. Denn sie handelt unter anderem vom Loslassen, etwas, dass ich gar nicht gut kann. Loslassen, Gehenlassen. Es fällt mir schon bei Kleidung schwer, selbst bei der, die einmal meine Kinder getragen haben, in der sie hübsch ausahen. Das Loslassen von Gewohnheiten ist noch schwieriger. Aber das Gehenlassen von Menschen, die mir etwas bedeuten, empfinde ich wie eine gewaltsame Aputation. Der Schmerz  ist unerträglich. Jedoch dieser kleine, kugelige Lehrer verhalf mir gerade in diesem Punkt, das Loslassen einmal anders zu beleuchten. „ Auch mein Körper möchte demnächst gehen.“, sagte er. „ Er zeigt mir sehr deutlich, dass er alt ist. Das Gehen und sich Bücken fällt ihm schwer. Hören und Sehen klappt auch nicht mehr so leicht und selbstverständlich. Ich merke, dass meine zeitlose Seele sich einen neuen frischen Körper wünscht. Einen jungen, frischen Körper, der ihr ein Leben und dammit eine Chance der Ruhe näherzukommen bietet. Das hat sie auch verdient, die gute Seele.“ Während er spricht, hüpft seine Bauchkugel vergnüglich auf und ab, hin und her wie in einer Choreografie  das Gesprochene  auf tänzerische Weise zu unterstützen. Der Bauch dieses Nepalesen erscheint mir förmlich wie die Handgesten eines Italieners. Geht das mit deutschen Bäuchen auch? Ich habe da niemals drauf geachtet, nehme mir aber an dieser Stelle vor, es zu beobachten. Was hat er gesagt? Er will seine Seele loslassen. Sie hat ihn auf jedem Weg begleitet bis hierhin und nun merkt er, dass sie wegmöchte.  Sie ist nicht mit ihm gealtert und nun bedeutet sein Körper ein Gefängnis für sie und sie hat ja schließlich noch eine Aufgabe, nämlich das endgültige Ruhen zu erlangen. Das Nirwana. Nirwana heißt Nichtleben. Ruhe. Ewiger Schlaf. Er möchte ihr gutsein, ist im Frieden mit ihr. Daher wünscht er sich für sie, dass sie einen anderen, besser geeigneten Körper findet  und scheint sich darauf beinahe zu freuen, seine Seele zu entlassen. Zu belohnen. Es ist eigenartig, aber mit diesem Bild, mit dieser verständlichen und freudigen Vorstellung, kann ich tatsächlich etwas anfangen. Eine Seele, die das Zuhause wechselt, weil es abgewohnt ist. Und da ich meine Seele liebhabe, möchte ich, dass es ihr gut ergeht. Darum werde ich sie loslassen und  sie es mit einem frischen Körper auf’s Neue  versuchen zu lasssen, ein perfekt gelebtes Leben hinzukriegen. Eines, bei dem der Mensch am Ende sagt:“ Es war perfekt gelebt! Es gibt nichts, was verbesserungswürdig ist. Alles was optimal.“ Dann kann auch die Seele sterben und ins Nichtleben, ins Nirwana, einkehren, um dort die Augen zu schließen. Für immer.

             ------------------------------------------------Wie schön! -----------------------------------------------------------

30.3.17 10:52
 
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